Kann dein Pferd Angst riechen – oder sogar, wie es dir geht?

Wer viel Zeit mit Pferden verbringt, kennt wahrscheinlich solche Momente.

Man kommt in den Stall, begrüßt sein Pferd und hat das Gefühl, dass heute irgendetwas anders ist. Das Pferd wirkt aufmerksamer, reagiert schneller oder scheint unruhiger als sonst. Vielleicht fragt man sich in diesem Moment, ob das etwas mit der eigenen Stimmung zu tun haben könnte.

Diese Frage stellen sich nicht nur Pferdemenschen. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich inzwischen damit, wie Pferde uns wahrnehmen – und welche Rolle dabei unser Geruch spielen könnte.

Dass Pferde unsere Körpersprache sehr genau beobachten, gilt heute als gut belegt. Als Fluchttiere haben sie über Jahrtausende gelernt, kleinste Veränderungen in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Sie achten auf Bewegungen, Körperspannung, Mimik und Stimme. All diese Informationen helfen ihnen einzuschätzen, ob eine Situation sicher ist oder nicht.

Doch damit endet ihre Wahrnehmung offenbar nicht.

Der Geruchssinn eines Pferdes ist dem des Menschen deutlich überlegen.

Gerüche spielen für Pferde eine wichtige Rolle – sei es bei der Orientierung, im Kontakt mit Artgenossen oder bei der Einschätzung ihrer Umgebung. Deshalb lag die Vermutung nahe, dass Pferde möglicherweise auch auf Gerüche reagieren, die mit menschlichen Emotionen verbunden sind.

Genau das wurde in den vergangenen Jahren wissenschaftlich untersucht.

In einer Studie erhielten Pferde Schweißproben von Menschen, die zuvor entweder einen Film angeschaut hatten, der Angst auslöste, oder einen Film, der Freude hervorrief. Die Pferde konnten die Gerüche unterscheiden und zeigten je nach Geruchsprobe unterschiedliche Reaktionen. Neuere Untersuchungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Sie deuten darauf hin, dass sich sowohl das Verhalten als auch teilweise die Herzfrequenz der Pferde verändern können, wenn sie mit menschlichem Angst- oder Freudegeruch konfrontiert werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Pferde unsere Gedanken lesen oder jede unserer Emotionen unmittelbar übernehmen.

Die Forschung auf diesem Gebiet steckt noch am Anfang. Wahrscheinlich entsteht das Bild, das ein Pferd von uns hat, aus vielen verschiedenen Informationen gleichzeitig. Es sieht unsere Körpersprache, hört unsere Stimme, nimmt unsere Bewegungen wahr und verarbeitet möglicherweise auch Gerüche, die mit unserem emotionalen Zustand zusammenhängen.

Gerade deshalb wäre es zu einfach, jede Reaktion eines Pferdes auf die Stimmung seines Menschen zurückzuführen.

Pferde können aus vielen Gründen angespannt oder unruhig sein. Schmerzen, körperliche Beschwerden, Veränderungen in der Herde, eine ungewohnte Umgebung oder belastende Erfahrungen können das Verhalten ebenso beeinflussen wie Stress. Deshalb ist es wichtig, immer das gesamte Pferd im Blick zu behalten und Veränderungen nicht vorschnell zu erklären.

Trotzdem finde ich die Forschung zu diesem Thema ausgesprochen spannend.

Sie erinnert uns daran, wie aufmerksam Pferde ihre Umwelt wahrnehmen. Oft konzentrieren wir uns darauf, was wir unserem Pferd zeigen oder beibringen möchten. Dabei vergessen wir leicht, dass unser Pferd uns die ganze Zeit ebenfalls beobachtet.

Vielleicht nehmen Pferde tatsächlich mehr von uns wahr, als uns bewusst ist.

Nicht, weil sie über besondere Fähigkeiten verfügen oder unsere Gedanken lesen können, sondern weil sie Meister darin sind, kleinste Veränderungen zu erkennen. Diese Fähigkeit hat ihnen über viele Jahrtausende das Überleben ermöglicht.

Für mich liegt genau darin die eigentliche Botschaft. Es geht nicht darum, niemals gestresst oder traurig zu sein. Das wäre weder möglich noch menschlich. Viel wichtiger ist es, sich der eigenen Stimmung bewusst zu sein. Wer weiß, dass er einen anstrengenden Tag hinter sich hat, kann seinem Pferd oft mit mehr Ruhe begegnen, als wenn er versucht, die eigene Anspannung zu ignorieren.

Vielleicht ist das sogar eine der schönsten Seiten unserer Beziehung zu Pferden. Sie fordern von uns keine Perfektion. Aber sie laden uns immer wieder dazu ein, achtsam zu sein – mit ihnen und auch mit uns selbst.


Quellen

Lansade, L. et al. (2023). Horses discriminate human body odors between fear and joy contexts. Scientific Reports. https://www.nature.com/articles/s41598-023-30119-8

Sabiniewicz, A. et al. (2020). Olfactory-based interspecific recognition of human emotions: Horses can recognize fear and happiness body odour from humans. Applied Animal Behaviour Science. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S016815912030160X

Henry, S. et al. (2025). Human emotional odours influence horses‘ behaviour and physiology. PLOS ONE. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12803465/

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