Linda Held – Pferdemensch mit Leib und Seele.

Pferde begleiten mich schon fast mein ganzes Leben. Und wenn ich heute zurückblicke, haben sie mich wahrscheinlich stärker geprägt, als mir lange bewusst war.
Ich glaube, dass eine wirklich gute Beziehung zum Pferd viel damit zu tun hat, wie gut wir unser Pferd verstehen und wie gut wir uns selbst kennen. Das habe ich allerdings nicht aus einem Lehrbuch gelernt. Meine Pferde haben es mir beigebracht.

Wie alles begann …
Schon als kleines Mädchen war ich fasziniert von diesen kraftvollen, eleganten und gleichzeitig so sensiblen Wesen. Mit 11 Jahren bekam ich durch meine Mutter den ersten eigenen Kontakt zu Pferden. Bald darauf zog der junge Schwarzwälder-Wallach Dimitri in unser Leben – und wurde zu meinem Seelenfreund.
In einer Zeit, in der ich mich als Teenager oft wie eine Außerirdische unter Menschen fühlte, war Dimitri der eine, bei dem ich mich nicht verstellen musste. Bei ihm war es egal, dass ich anders war und mich für andere Dinge interessierte als viele Gleichaltrige.
Wir wuchsen gemeinsam auf und probierten unglaublich viel aus. Ich lernte, mit ihm ohne Sattel, ohne Zaumzeug und irgendwann fast ohne Hilfsmittel zu kommunizieren. Wir kannten uns so gut, dass oft Kleinigkeiten reichten.
Vor allem machte Dimitri mich mutiger.
Mit ihm traute ich mich Dinge, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte. Ich lernte, meinem Gefühl zu vertrauen, und begann irgendwann auch außerhalb des Stalls mehr zu mir selbst zu stehen. Mein Anderssein fühlte sich nicht mehr nur falsch an. Vieles davon wurde mit der Zeit sogar zu einer Stärke.
Dimitri hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin.
Umso mehr fiel ich in ein tiefes Loch, als er mit nur 12 Jahren plötzlich und völlig unerwartet starb. Ich war tieftraurig und mein Leben fühlte sich auf einmal leer an. Meine Familie und besonders mein Mann halfen mir damals sehr, mich wieder etwas zu sammeln.
Trotzdem war für mich zunächst klar: So sehr wollte ich nie wieder lieben. Es tat einfach zu weh.

Und dann kam Fritz …
Fritz war drei Jahre alt, roh, unerfahren und eigentlich überhaupt nicht das Pferd, das ich gesucht hatte. Trotzdem nahm ich ihn.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre Erfahrung mit Pferden und mit Dimitri bereits ein junges Pferd ausgebildet. Entsprechend überzeugt war ich anfangs davon, dass ich das mit Fritz schon hinbekommen würde.
Fritz hatte dazu allerdings eine etwas andere Meinung.
Er war unglaublich unsicher. Teilweise geriet er wegen Dingen in Panik, über die ich mit Dimitri vermutlich nicht einmal nachgedacht hätte. Ein einfacher Spaziergang konnte zur Herausforderung werden und irgendwann war ich selbst ständig angespannt.
Ich verstand ihn nicht.
Also tat ich das, was wahrscheinlich viele Pferdemenschen tun: Ich suchte nach Lösungen. Ich las, lernte, besuchte Kurse, probierte verschiedene Ansätze aus und gab mir immer mehr Mühe.
Trotzdem wurde es nicht wirklich besser. Zeitweise war unser Verhältnis so schlecht, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, Fritz wieder zu verkaufen.
Heute bin ich sehr froh, dass ich es nicht getan habe.
Mit der Zeit begann ich nämlich zu verstehen, dass ich bei meiner Suche einen wichtigen Teil übersehen hatte: mich selbst.
Fritz reagierte sehr fein auf meine Ungeduld, meine Unsicherheit und den Druck, den ich mir machte. Gleichzeitig hatte ich nach Dimitris Tod vieles in mir weggeschoben. Ich wollte wieder dieses sichere, vertraute Gefühl haben und hatte gleichzeitig Angst davor, mich noch einmal so sehr auf ein Pferd einzulassen.
Je genauer ich Fritz beobachtete, desto mehr lernte ich deshalb auch über mich.
Ich wurde geduldiger. Ich hörte genauer hin. Ich begann mehr darauf zu achten, was er mir eigentlich sagen wollte, und beschäftigte mich immer intensiver mit dem Verhalten, der Kommunikation und den Bedürfnissen von Pferden.
Unser Verhältnis veränderte sich langsam.
Heute ist Fritz seit vielen Jahren an meiner Seite. Er ist mein bester Kumpel, mein Verlasspferd und ein Pferd, dem ich blind vertraue. Und vermutlich hat er mir mehr über Pferde beigebracht als jedes unkomplizierte Pferd es je hätte tun können.
Dimitri hat mir geholfen, an mich selbst zu glauben. Fritz hat mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen. Beides hat meine Arbeit mit Pferden bis heute geprägt.

Liebe lohnt sich immer, egal wie trüb das Leben gerade aussehen mag.

Hier siehst du mich bei einer Gelassenheitsarbeit mit Fritz.
Achtsamkeit Pferd
Mein Weg mit den Pferden
Inzwischen beschäftige ich mich seit fast 30 Jahren mit Pferden und habe in dieser Zeit sehr viel gelernt – durch meine eigenen Pferde, durch andere Pferdemenschen, durch zahlreiche Fortbildungen und natürlich durch die Pferde selbst.
Ich habe mich unter anderem bei Petra Dürr, Monty Roberts, Nathalie Penquitt und Georg Moser weitergebildet. Dazu kamen der Basispass Pferdekunde, das Deutsche Fahrabzeichen Klasse IV, Kurse zur Hufgesundheit und viele weitere Themen, die mir auf meinem Weg begegnet sind.
Dabei habe ich nie die eine Methode gefunden, die für jedes Pferd funktioniert. Das wundert mich heute auch nicht mehr.
Jedes Pferd bringt seinen eigenen Charakter, seine Erfahrungen, seinen Körper und seine Bedürfnisse mit. Genauso unterschiedlich sind wir Menschen.
Mit der Zeit habe ich deshalb angefangen, mir aus all meinem Wissen und meinen Erfahrungen das herauszunehmen, was sich für mich und das jeweilige Pferd stimmig anfühlt.
Ich beobachte gerne. Ich hinterfrage viel. Und wenn ich etwas nicht verstehe, möchte ich wissen, warum. Genau das gebe ich heute auch weiter.

Wie aus meinem Weg meine Arbeit wurde
Irgendwann wollte ich das Wissen, das sich über all diese Jahre angesammelt hatte, nicht mehr nur für mich nutzen.
Ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man sein Pferd liebt, sich wirklich Mühe gibt und trotzdem das Gefühl hat, es nicht zu verstehen. Gleichzeitig wusste ich inzwischen auch, wie viel sich verändern kann, wenn man anfängt, genauer hinzusehen.
Also begann ich, mein Wissen online an andere Pferdemenschen weiterzugeben.
Daraus entstand mit der Zeit „Mein Pferd – mein Partner“.
Heute helfe ich dort Pferdemenschen, die Grundlagen für eine gesunde, vertrauensvolle und harmonische Beziehung zu ihrem Pferd besser zu verstehen.
Dabei möchte ich niemandem meine Art mit Pferden überstülpen. Mir ist viel wichtiger, Zusammenhänge verständlich zu machen. Wer sein Pferd versteht und genügend Wissen hat, kann selbst viel besser einschätzen, was zum eigenen Pferd und zur eigenen Situation passt.

Den Pferden etwas zurückgeben
Mit den Jahren wurde daraus noch ein anderer Wunsch. Wenn ich überlege, was Pferde in meinem Leben für mich getan haben, ist das ziemlich viel.
Dimitri war für mich da, als ich mich selbst noch nicht wirklich mochte. Er gab mir Selbstvertrauen und machte mir Mut. Fritz half mir Jahre später auf eine ganz andere Weise. Durch ihn lernte ich Geduld, genaueres Hinsehen und sehr viel über mich selbst. Und das sind nur meine eigenen Pferde.
Pferde geben uns Menschen unglaublich viel und ich möchte ihnen etwas von dieser Liebe zurückgeben.
Für mich führt ein wichtiger Weg dahin über Wissen. Je besser Menschen Pferde verstehen, desto eher können sie ihre Bedürfnisse erkennen, Zusammenhänge sehen und gute Entscheidungen für sie treffen.
Aus diesem Gedanken entstand „Liebe der Pferde“.
Dort spreche ich mit Menschen, die sich teilweise seit Jahrzehnten intensiv mit bestimmten Bereichen rund ums Pferd beschäftigen. Ich lerne bei diesen Gesprächen selbst immer wieder Neues und kann dieses Wissen gleichzeitig vielen anderen Pferdemenschen zugänglich machen.
Niemand kann alles wissen. Ich auch nicht. Aber wir können voneinander lernen.

Frieden auf PFerden
Durch Fritz kam mit der Zeit noch ein Thema dazu, das inzwischen einen wichtigen Platz in meinem Leben hat.
Ich hatte lange versucht, Frieden im Außen zu finden. Wenn Fritz endlich ruhig wäre. Wenn dieses oder jenes Problem gelöst wäre. Wenn wir endlich an dem Punkt angekommen wären, den ich mir vorgestellt hatte.
Dabei nahm ich mich selbst jeden Tag mit in den Stall.
Meine Gedanken waren da. Meine Ungeduld war da. Meine Ängste waren da. Auch der Druck, den ich mir selbst machte.
Fritz reagierte darauf.
Je mehr ich mich mit ihm beschäftigte, desto deutlicher wurde mir deshalb, wie viel unser eigener innerer Zustand mit unserem Pferd macht.
Heute bedeutet Frieden für mich nicht, dass immer alles perfekt läuft. Das tut es bei uns auch nicht.
Es geht für mich viel mehr darum, mit mir selbst im Reinen zu sein. Mich wahrzunehmen, ehrlich hinzuschauen und nicht ständig gegen mich, mein Pferd oder das Leben anzukämpfen.
Pferde können uns dabei unglaublich helfen.
Sie leben sehr viel mehr im Moment als wir. Sie reagieren ehrlich auf das, was gerade da ist, und merken oft lange vor uns, wenn wir innerlich unruhig werden.
Fritz hat mir das immer wieder gezeigt.
Aus diesen Erfahrungen entstand „Frieden auf PFerden“.

Und heute?
Heute lebe ich mit Fritz in Lappland, weit oben im Norden Finnlands. Zwischen Polarnacht, Mitternachtssonne, Wald und ziemlich viel Schnee lerne ich immer noch weiter. Auch nach fast 30 Jahren mit Pferden gibt es Dinge, die mich überraschen. Zum Glück.
Wenn ich nicht gerade mit Fritz unterwegs bin, zeichne ich leidenschaftlich gerne, erfinde Geschichten und schreibe Romane. Außerdem schieße ich seit vielen Jahren mit meinem geliebten Reiterbogen – auch vom Pferderücken aus.
Wenn ich heute auf meinen bisherigen Weg zurückblicke, zieht sich das Pferd wie ein roter Faden hindurch:
Dimitri hat aus einem unsicheren Mädchen einen Menschen gemacht, der langsam gelernt hat, zu sich selbst zu stehen. Fritz hat diesen Menschen später noch einmal ziemlich auf den Kopf gestellt. Und beide haben mich stärker gemacht.
Vielleicht gebe ich deshalb heute so gerne weiter, was ich gelernt habe – weil ich weiß, wie viel sich durch ein Pferd verändern kann. Für das Pferd. Und für uns selbst.
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