Sanfte Unterstützung oder unterschätztes Risiko?
Kaum ein Thema begegnet mir im Moment so häufig wie die Aromatherapie für Pferde.
In den sozialen Medien werden ätherische Öle für die unterschiedlichsten Probleme empfohlen. Mal sollen sie bei Nervosität helfen, mal bei Husten, Hautproblemen oder Verspannungen. Es wirkt oft ganz einfach: Ein paar Tropfen hier, ein Diffuser dort und schon soll es dem Pferd besser gehen.
Ich kann gut verstehen, warum viele Pferdemenschen sich dafür interessieren. Auch ich finde es spannend, wie Pflanzen uns und unsere Tiere unterstützen können.
Gleichzeitig glaube ich, dass wir bei diesem Thema besonders sorgfältig sein sollten, denn natürlich bedeutet nicht automatisch harmlos.
Genau darüber hat auch Cindy Kuhn auf meinem Kongress „Liebe der Pferde“ gesprochen. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Aromatherapie und hat sehr deutlich gemacht, dass ätherische Öle viel mehr sind als ein angenehmer Duft. Es sind hochkonzentrierte Pflanzenstoffe mit einer starken Wirkung – und genau deshalb verdienen sie unseren Respekt.
Ein einziger Tropfen ätherischen Öls enthält oft die Inhaltsstoffe einer erstaunlich großen Menge Pflanzenmaterial. Das macht deutlich, wie kraftvoll diese Essenzen sind.
Deshalb sollte Aromatherapie niemals nach dem Motto „viel hilft viel“ angewendet werden.
Pferde verfügen über einen außergewöhnlich feinen Geruchssinn. Was für uns angenehm riecht, kann für ein Pferd bereits viel zu intensiv sein. Manche Tiere wenden sich einem Duft ganz bewusst zu, andere gehen auf Abstand. Auch das ist eine Form der Kommunikation, die wir ernst nehmen sollten.
Ein wichtiger Grundsatz der Aromatherapie lautet deshalb: Das Pferd entscheidet mit.
Viele Pferdebesitzer greifen beispielsweise zu Lavendel, wenn ihr Pferd gestresst oder nervös wirkt. Tatsächlich wird Lavendel häufig mit Entspannung und Gelassenheit in Verbindung gebracht. Dennoch bedeutet das nicht, dass jedes Pferd Lavendel möchte oder dass er in jeder Situation sinnvoll ist.
Ähnlich ist es mit Teebaumöl, das gerne bei Hautproblemen verwendet wird. Gerade hier ist Vorsicht geboten. Nicht jedes ätherische Öl eignet sich für die direkte Anwendung auf der Haut, viele müssen stark verdünnt werden und einige sollten bei Pferden überhaupt nicht ohne fachkundige Begleitung eingesetzt werden.
Auch Eukalyptus wird häufig bei Atemwegsproblemen empfohlen. Obwohl viele Menschen damit gute Erfahrungen verbinden, ist auch hier eine individuelle Einschätzung wichtig. Ein Öl ersetzt weder eine gründliche Ursachenforschung noch eine tierärztliche Behandlung.

Ich selbst mag ätherische Öle sehr gerne und verwende sie auch hin und wieder. Gerade Lavendel begleitet mich schon viele Jahre.
Als wir uns auf unseren Umzug nach Finnland vorbereitet haben, war das Hängertraining mit Fritz natürlich ein großes Thema. In dieser Zeit habe ich mit einem Lavendel-Massageöl experimentiert. Wichtig war mir dabei, dass es sich um ein stark verdünntes Massageöl handelte und ich es nicht direkt bei Fritz angewendet habe. Ich habe lediglich etwas davon im Anhänger verteilt.
Ob Fritz dadurch tatsächlich entspannter war oder ob es einfach die vielen ruhigen Trainingseinheiten waren, kann ich bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht war es auch eine Kombination aus beidem. Vielleicht hat der Duft vor allem dazu beigetragen, dass auch ich ruhiger geworden bin. Und das hätte Fritz natürlich genauso gespürt.
Genau deshalb finde ich das Thema so spannend. Aromatherapie kann eine wunderbare Unterstützung sein – sie ersetzt aber niemals Geduld, gutes Training und einen liebevollen Umgang mit dem Pferd.
Was mir an Cindys Vortrag besonders gefallen hat, war ihr respektvoller Blick auf das Pferd. Aromatherapie ist für sie keine schnelle Lösung und kein Wundermittel. Sie versteht sie als eine mögliche Unterstützung – eingebettet in ein ganzheitliches Konzept, bei dem das Wohl des Pferdes immer an erster Stelle steht.
Ein weiterer Punkt, über den viel zu selten gesprochen wird, ist die Qualität der verwendeten Öle.
Der Markt ist riesig. Leider unterscheiden sich die Produkte nicht nur im Preis, sondern auch in ihrer Reinheit, Herkunft und Herstellung. Manche Öle enthalten Rückstände oder werden unter Bedingungen produziert, die weder nachhaltig noch besonders transparent sind.
Wer Aromatherapie nutzen möchte, sollte deshalb genau hinschauen. Woher stammen die Pflanzen? Wie werden sie angebaut? Werden sie schonend verarbeitet? Handelt es sich um naturreine ätherische Öle oder um Duftöle, die für therapeutische Anwendungen gar nicht geeignet sind?
Gerade weil für viele Pflanzen enorme Mengen Rohmaterial benötigt werden, lohnt sich auch ein Blick auf die Nachhaltigkeit. Ein bewusster Umgang beginnt nicht erst bei der Anwendung, sondern schon beim Einkauf.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ätherische Öle sind hochkonzentrierte Pflanzenstoffe und sollten niemals unterschätzt werden.
- Jedes Pferd reagiert unterschiedlich. Beobachte genau, ob dein Pferd einen Duft annimmt oder lieber Abstand hält.
- Weniger ist oft mehr. Eine falsche Dosierung kann mehr schaden als nutzen.
- Ätherische Öle sollten grundsätzlich nur verdünnt und nach fachkundiger Anleitung angewendet werden.
- Ätherische Öle ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung.
- Achte auf hochwertige, naturreine und möglichst nachhaltig produzierte Öle.
- Informiere dich gut oder arbeite mit einer qualifizierten Fachperson zusammen, bevor du ätherische Öle bei deinem Pferd anwendest.
Ich finde es schön, dass sich immer mehr Menschen mit natürlichen Möglichkeiten beschäftigen, ihre Pferde zu unterstützen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir dabei nicht jedem Trend folgen, sondern bewusst entscheiden.
Unsere Pferde vertrauen uns jeden Tag. Umso wichtiger ist es, dass wir auch bei der Aromatherapie verantwortungsvoll handeln und ihnen nur das anbieten, was ihnen wirklich guttut.
Wenn dich das Thema interessiert, kann ich dir den Vortrag von Cindy Kuhn aus meinem Kongress sehr empfehlen. Sie erklärt verständlich, worauf es bei der Aromatherapie ankommt, welche Möglichkeiten sie bietet und wo ihre Grenzen liegen. Für mich war das eine wertvolle Erinnerung daran, wie viel Wissen und Achtsamkeit hinter einer wirklich guten Anwendung steckt.
