Die Sache mit dem Pferdecharakter

Hast du dir auch schon mal überlegt, wie praktisch es wäre, den Charakter der Pferde quasi „ablesen“ zu können? Stell dir vor, du könntest schon beim ersten Blick in der Reitschule oder beim Pferdekauf erkennen, ob das Tier zu dir und deinem Reitstil passt – ob es eher unkompliziert und kooperativ ist, sensibel und lernfreudig oder vielleicht etwas stur und empfindlich. Kein langes Herumprobieren mehr, kein Risiko, dass das „Traumpferd“ plötzlich zur Herausforderung wird.

Genau das ist möglich – und zwar nicht durch Magie, sondern durch eine fundierte, jahrzehntelange Beobachtungsmethode. Ich habe das in meinem Problempferd-Webinar schon relativ ausführlich erklärt (hier nachschauen). Aber lass uns jetzt richtig tief einsteigen: Die Pionierin dieser Herangehensweise ist Linda Tellington-Jones. Die kanadische Pferdeexpertin hat in den 1970er-Jahren die Tellington-TTouch-Methode entwickelt – eine sanfte, gewaltfreie Art der Körperarbeit und Bodenarbeit, die Vertrauen aufbaut und Verhalten positiv beeinflusst. Parallel dazu hat sie ein umfangreiches System zur Persönlichkeitsanalyse von Pferden geschaffen, das sie in ihrem Buch Die Persönlichkeit Ihres Pferdes (Original: Getting in TTouch with Your Horse) detailliert beschreibt. Genau wie beim Gesichtlesen beim Menschen kann man anhand äußerlicher Merkmale auch beim Pferd gewisse Charakterzüge vorhersagen.

Tellington-Jones hat über 1.500 Pferde systematisch untersucht und äußere Merkmale – vor allem am Kopf – mit deren Verhalten, Lernfähigkeit und Temperament korreliert. Es geht nicht um eine starre „Schublade“, sondern um ein Grundmuster der angeborenen Persönlichkeit. Dieses Muster kann durch Erziehung, Umwelt und Erfahrungen überlagert oder verändert werden. Genau hier setzt ihre Methode an: Du verstehst das Pferd besser, passt deinen Umgang an und kannst mit TTouch gezielt Spannungen lösen, Selbstvertrauen stärken und unerwünschte Verhaltensweisen mildern. Es ist wie eine Landkarte für eine harmonische Partnerschaft.

Die Kern-Idee: Der Kopf als Spiegel der Persönlichkeit des Pferdes

Tellington-Jones konzentriert sich vor allem auf den Kopf des Pferdes, weil hier die meisten aussagekräftigen Merkmale zu finden sind: Fellwirbel (Stirnlocken), Augen, Profil, Ohren, Nüstern, Maul, Lippen, Kinn und besonders die Ganaschen (die Bereiche unterhalb der Ohren am Kiefer). Diese Merkmale verraten viel über Intelligenz, Lernbereitschaft, Sensibilität, Kooperationswillen und emotionale Stabilität. Wichtig: Es handelt sich um Tendenzen, keine absoluten Urteile. Ein Pferd mit „schwierigem“ Profil kann durch geduldigen Umgang und TTouch zu einem zuverlässigen Partner werden.

Hier eine tiefgehende Übersicht über die wichtigsten Merkmale (basierend auf Tellington-Jones’ Beobachtungen und Analysen):

1. Fellwirbel (Stirnlocken) Die Position, Anzahl und Ausrichtung der Wirbel auf der Stirn sind eines der auffälligsten und am besten erforschten Merkmale. Tellington-Jones’ Umfrage unter Pferdebesitzern hat klare Muster ergeben:

  • Ein einzelner Wirbel zwischen oder oberhalb der Augen deutet meist auf einen unkomplizierten, ausgeglichenen Pferdecharakter hin – es ist kooperativ, lernt gerne und reagiert zuverlässig.
  • Ein Wirbel, der leicht zum rechten Auge verschoben ist: Das Pferd kann etwas schwieriger oder eigenwilliger sein, bleibt aber in der Regel vertrauenswürdig und loyal.
  • Ein Wirbel näher am linken Auge: Oft geringere Arbeitsbereitschaft oder eine gewisse Zurückhaltung – das Pferd braucht mehr Motivation und klare, ruhige Führung.
  • Zwei oder mehr Wirbel: Komplizierter Charakter – sensibler, manchmal nervöser oder temperamentvoller. Diese Pferde sind oft hochintelligent, brauchen aber besonders feinfühligen Umgang, damit sie nicht in Stress oder Widerstand gehen. Doppelwirbel können auf ein Pferd hindeuten, das schnell überfordert ist, aber mit der richtigen Methode zu Höchstleistungen fähig ist.

2. Die Augen Die Augen sind der „Spiegel der Seele“ – auch bei Pferden. Tellington-Jones bewertet Größe, Abstand, Form und Ausdruck:

  • Größe: Mittelgroße Augen = mittlere Intelligenz. Je größer, desto intelligenter und lernfähiger das Pferd. Sehr kleine Augen können auf Starrsinn oder langsamere Auffassungsgabe hinweisen.
  • Abstand: Weit auseinanderliegende Augen = hochintelligent, neugierig, lernt blitzschnell, kann aber auch gerne „tricksen“. Nah beieinander = ruhiger, arbeitswilliger, aber manchmal langsamer im Lernen.
  • Form: Mandelförmige, weiche Augen deuten auf einen sanften, willigen Pferdecharakter. Dreieckige oder angespannte Augen (viel Weiß sichtbar) können Misstrauen oder Sensibilität signalisieren. Ein entspannter Blick mit weichem Ausdruck zeigt Kooperationsbereitschaft.

3. Das Kopfprofil

  • Gerades Profil ohne Buckel oder Ausbuchtungen: Unkompliziertes, ausgeglichenes Wesen – ideal für Einsteiger oder vielseitige Nutzung.
  • Leichte „Elchnase“ (konvexe Wölbung) oder Rammsnase: Kann auf mehr Durchsetzungsvermögen oder Sturheit hindeuten, aber auch auf Robustheit. In Kombination mit anderen Merkmalen (z. B. Hechtkopf) manchmal schwieriger im Umgang.
  • Konkaves (dished) Profil: Oft sensibel und feinfühlig, manchmal etwas ängstlicher.

4. Die Ganaschen (Kieferbereich unter den Ohren) Ein besonders aussagekräftiges Merkmal für Lernfähigkeit:

  • Große, runde, gut ausgeprägte Ganaschen: Intelligent, arbeitswillig und schnell im Verstehen.
  • Mittlere Ganaschen: Durchschnittliche Lernbereitschaft – solide und zuverlässig.
  • Kleine oder flache Ganaschen: Das Pferd versteht langsamer, was von ihm verlangt wird; es braucht mehr Wiederholungen und Geduld. Breitflächige, aber schlecht ausgeprägte Ganaschen deuten auf Unflexibilität hin.

5. Weitere Merkmale (kurz)

  • Ohren: Weit auseinander und gut positioniert = aufmerksam und präsent. Eng stehende oder sehr kleine Ohren können auf Sensibilität oder Reserviertheit hindeuten.
  • Nüstern und Maul/Lippen: Weite Nüstern = neugierig und atmungsaktiv. Dicke, weiche Lippen und entspanntes Kinn = kooperativ und stressresistent. Dünne Lippen oder angespanntes Maul = sensibler, manchmal nervöser Typ.
  • Kinn: Entspannt und mitteldick = stabiles, kooperatives Wesen.

Eine kleine Zusammenfassung der wichtigsten Merkmale findest du auch auf dieser Website, und zur Veranschaulichung ist dieses Video gut geeignet.

Praktischer Nutzen

Mit diesen Merkmalen kannst du schon beim ersten Kennenlernen einschätzen, ob ein Pferd eher der „schnelle Lerner“ oder der „gemütliche Denker“ ist, ob es sensibel auf Druck reagiert oder robust ist. Das spart Frust beim Kauf oder in der Reitschule und hilft, von Anfang an den richtigen Trainingsansatz zu wählen.

Tellington-Jones betont immer: Die Analyse ist nur der Anfang. Mit TTouch – kreisförmigen, sanften Berührungen am ganzen Körper – kannst du Spannungen lösen, das Nervensystem beruhigen und die Persönlichkeit positiv beeinflussen. Viele Pferde werden dadurch entspannter, selbstbewusster und kooperativer.

Eine kleine Zusammenfassung der wichtigsten Merkmale findest du auf dieser Website. Für einen kurzen, anschaulichen Einblick ist dieses Video super geeignet – Linda erklärt dort live an einem Pferd, wie du die Merkmale liest.

Viel Spaß beim Entdecken der Charaktermerkmale deines Pferdes! Du wirst staunen, wie viel klarer der Umgang plötzlich wird. Und wenn du merkst, dass bestimmte Züge herausfordernd sind: Mit TTouch und dem richtigen Verständnis wird aus fast jedem Pferd ein toller Partner. Probier es aus – dein Pferd wird es dir danken.

Viel Spaß beim Entdecken der Charaktermerkmale!

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