Naturnahe Pferdefütterung – was bedeutet das eigentlich?
„Naturnah“ ist ein Begriff, der in der Pferdewelt häufig verwendet wird.
Es gibt naturnahe Haltung, naturnahes Training und eben auch naturnahe Pferdefütterung. Doch je öfter ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr ist mir aufgefallen, dass jeder etwas anderes darunter versteht.
Für die einen bedeutet es, möglichst viele Kräuter zu füttern. Andere verzichten bewusst auf Kraftfutter. Wieder andere versuchen, ihr Pferd ausschließlich mit Heu und Gras zu versorgen.
Doch naturnahe Fütterung beginnt aus meiner Sicht an einer ganz anderen Stelle, nämlich bei der Frage, wie Pferde überhaupt entstanden sind.
Über Millionen von Jahren haben sich Pferde an ein Leben angepasst, in dem sie den größten Teil des Tages langsam unterwegs waren. Sie fraßen nicht zwei- oder dreimal täglich große Portionen, sondern nahmen über viele Stunden hinweg immer wieder kleine Mengen unterschiedlicher Pflanzen auf. Gräser bildeten dabei die Grundlage ihrer Nahrung, ergänzt durch Kräuter, Blätter oder Zweige – je nachdem, was die Jahreszeit und die Landschaft gerade boten.
Genau auf diese Lebensweise ist auch heute noch ihr Verdauungssystem ausgerichtet. Der Magen eines Pferdes ist vergleichsweise klein und produziert kontinuierlich Magensäure. Der Dickdarm ist darauf spezialisiert, Rohfasern zu verwerten. Gleichzeitig verbringen Pferde von Natur aus viele Stunden mit der Futtersuche und dem Kauen.
Daran hat sich durch die Domestizierung kaum etwas geändert. Natürlich leben unsere Pferde heute nicht mehr wie Wildpferde. Sie stehen in Offenställen oder Boxen, werden geritten oder gefahren und haben andere Anforderungen als ihre frei lebenden Verwandten.
Naturnah bedeutet deshalb nicht, die Uhr zurückzudrehen. Es bedeutet vielmehr, die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes zu verstehen und sie unter den heutigen Bedingungen so gut wie möglich zu berücksichtigen.
Dazu gehört in erster Linie ausreichend hochwertiges Raufutter, worauf ich im letzten Beitrag „Gutes Heu als Grundlage“ eingegangen bin. Ebenso wichtig ist jederzeit frisches Wasser. Oft wird unterschätzt, welchen Einfluss eine ausreichende Wasserversorgung auf Verdauung, Stoffwechsel und das allgemeine Wohlbefinden hat.
Auch Mineralstoffe gehören zu einer bedarfsgerechten Fütterung dazu. Je nach Region, Heuqualität oder individuellem Bedarf kann eine Ergänzung sinnvoll sein. Entscheidend ist jedoch, dass sie sich am tatsächlichen Bedarf des Pferdes orientiert und nicht an der Zahl der Produkte im Futterraum (siehe hierzu den Beitrag „Futter und Stoffwechsel“).
Naturnahe Fütterung bedeutet deshalb nicht, möglichst viele verschiedene Futtermittel zu verwenden. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall.
Je näher wir uns an den natürlichen Bedürfnissen des Pferdes orientieren, desto einfacher wird die Fütterung häufig. Das heißt allerdings nicht, dass jedes Pferd ausschließlich von Heu leben kann.
Ein Sportpferd hat andere Anforderungen als ein Senior. Ein Pferd mit einer Stoffwechselerkrankung braucht unter Umständen eine andere Fütterung als ein gesundes Freizeitpferd. Naturnah bedeutet deshalb nicht, für jedes Pferd dieselbe Lösung zu wählen.
Es bedeutet, die biologischen Grundlagen als Ausgangspunkt zu nehmen und die Fütterung anschließend individuell anzupassen. Genau darin sehe ich den größten Unterschied. Nicht das einzelne Futtermittel entscheidet darüber, ob eine Fütterung naturnah ist, sondern die Frage, ob sie den Bedürfnissen des jeweiligen Pferdes gerecht wird.
Für mich ist das ein beruhigender Gedanke, denn naturnahe Fütterung muss weder kompliziert noch perfekt sein. Sie beginnt damit, das Pferd als das zu sehen, was es ist: ein Pflanzenfresser, dessen Verdauung sich über Millionen von Jahren entwickelt hat und dessen Bedürfnisse sich bis heute kaum verändert haben.
Hinweis: Headerbild mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.
Du willst mehr?
Wenn du dich intensiver mit diesem Thema beschäftigen möchtest, empfehle ich dir das Interview mit Cordina Bielenberg im Online-Kongress Liebe der Pferde. Sie erklärt sehr anschaulich, wie sich natürliche Bedürfnisse und modernes Pferdemanagement miteinander verbinden lassen und warum naturnahe Fütterung weit mehr bedeutet als die Wahl eines bestimmten Futters.
