Über Mitspracherecht, Kommunikation und die Frage, wer am Ende entscheidet, wenn das Pferd Nein sagt

Wenn wir von einer partnerschaftlichen Beziehung zu unserem Pferd sprechen, gehört für mich auch dazu, seine Meinung ernst zu nehmen. Das klingt zunächst selbstverständlich, ist es im Alltag aber gar nicht immer, denn was machen wir, wenn unser Pferd eine andere Meinung hat als wir?

Vielleicht möchtest du dein Pferd von der Koppel holen und es geht erst einmal in die andere Richtung. Beim Spaziergang bleibt es stehen und möchte nicht weiter. Es dreht sich beim Satteln weg oder zieht den Huf wieder an sich, den du gerade aufnehmen möchtest. Manchmal sind diese Signale sehr deutlich, manchmal so klein, dass wir sie leicht übersehen können.

Natürlich können wir nicht wissen, ob ein Pferd in solchen Situationen tatsächlich „Nein“ denkt. Trotzdem teilt es uns etwas mit. Und ich finde, es lohnt sich, diese Antwort nicht sofort danach zu beurteilen, ob unser Pferd gerade das tut, was wir von ihm möchten – denn Kommunikation sollte keine Einbahnstraße sein.

Wenn aus einem Monolog ein Dialog wird

Wir teilen unseren Pferden den ganzen Tag über mit, was wir von ihnen möchten: Komm mit. Bleib stehen. Geh einen Schritt zurück. Heb deinen Huf. Geh auf den Zirkel. Lauf etwas schneller. Warte hier.

Dabei erwarten wir ganz selbstverständlich, dass unser Pferd auf unsere Signale achtet. Umgekehrt fällt es uns manchmal deutlich schwerer, wenn unser Pferd auf unsere Frage nicht so antwortet, wie wir es erwartet haben.

Doch finde ich gerade diese Momente interessant. Warum bleibt mein Pferd stehen? Warum dreht es sich weg? Warum geht etwas heute nicht, das gestern noch selbstverständlich war?

Das bedeutet nicht, dass wir bei jedem Zögern sofort alles abbrechen müssen. Aber wir können einen Moment hinschauen, bevor wir einfach deutlicher werden.

Vielleicht stellen wir fest, dass unser Pferd uns nicht verstanden hat. Vielleicht hat es etwas entdeckt, das wir noch gar nicht bemerkt haben. Vielleicht ist ihm eine Situation unangenehm oder es fühlt sich unsicher. Vielleicht geht es ihm körperlich nicht gut. Und manchmal möchte es schlicht etwas anderes als wir.

Allein die Tatsache, dass wir diese verschiedenen Möglichkeiten in Betracht ziehen, verändert für mich schon etwas in der Kommunikation. Das Pferd ist nicht länger nur der Empfänger unserer Signale. Seine Antwort gehört genauso zum Gespräch.

Ich glaube, dass es für eine Beziehung einen Unterschied macht, wenn ein Pferd die Erfahrung machen darf, dass seine feinen Signale wahrgenommen werden. Es muss dann nicht unbedingt seinen Willen bekommen. Aber es wird gehört.

Ein Nein kann viele Gründe haben

Genau deshalb würde ich ein Nein zunächst einmal als Information betrachten. Noch wissen wir nämlich gar nicht, was dahintersteckt. Und hier kommen wir zu einer Unterscheidung, die ich wichtig finde: Es macht einen Unterschied, ob mein Pferd sagt: „Das geht für mich gerade nicht“ oder „Das möchte ich gerade nicht.“ Von außen kann beides zunächst ziemlich ähnlich aussehen.

Ein Pferd möchte beispielsweise nicht von der Koppel kommen. Vielleicht fühlt es sich ohne seine Herde gerade sehr unsicher. Oder es hat sich etwas verändert, vielleicht hat es Schmerzen oder verbindet das Verlassen der Koppel mit einer unangenehmen Erfahrung. Dann wäre es wichtig, genauer hinzuschauen und nicht einfach davon auszugehen, dass es sich nur „anstellt“.

Es kann aber genauso gut sein, dass mein Pferd gerade mitten im Gras neben seinem besten Freund steht und meinen Vorschlag, jetzt gemeinsam loszugehen, einfach nicht besonders attraktiv findet. Auch diesen Wunsch darf es haben. Nur bedeutet Mitspracherecht für mich nicht, dass jeder Wunsch automatisch erfüllt werden muss.

Zuhören heißt nicht, immer Ja zu sagen

Vielleicht liegt genau hier eines der Missverständnisse, die entstehen können, wenn wir beginnen, unseren Pferden mehr zuzuhören. Plötzlich steht die Sorge im Raum, man dürfe sich überhaupt nicht mehr durchsetzen, weil man sonst die Meinung des Pferdes übergeht. So sehe ich das nicht.

Wir tragen Verantwortung für unsere Pferde und wir bewegen uns mit ihnen in einer Welt, deren Regeln sie nicht kennen können. Unser Pferd weiß nicht, warum es am geöffneten Tor warten muss oder weshalb es nicht einfach über die Straße zum Gras auf der anderen Seite laufen darf. Es versteht auch nicht, warum eine notwendige Behandlung stattfinden muss, obwohl es darauf gerne verzichten würde.

Und manchmal wissen wir aus Erfahrung auch, dass etwas unserem Pferd guttun wird, obwohl es sich in diesem Moment nicht selbst dafür entschieden hätte.

Vielleicht möchte es die Koppel heute nicht verlassen und läuft zehn Minuten später mit gespitzten Ohren neben uns durch den Wald. Dann finde ich es vollkommen in Ordnung zu sagen: „Ich weiß, dass du gerade lieber hierbleiben würdest. Komm trotzdem erst einmal mit.“

Gute Führung bedeutet für mich deshalb nicht, dass das Pferd immer tut, was der Mensch sagt. Sie bedeutet aber auch nicht, dass der Mensch jede Entscheidung an das Pferd abgibt. Wir dürfen Verantwortung übernehmen.

Die schwierige Frage ist, was hinter dem Nein steckt

Eine einfache Formel dafür gibt es leider nicht. Wir können schließlich nicht in den Kopf unseres Pferdes schauen und eindeutig feststellen, ob wir gerade einen Wunsch, Unsicherheit, Überforderung oder ein körperliches Problem vor uns haben.

Deshalb braucht es Wissen und Beobachtung, aber vor allem müssen wir unser eigenes Pferd kennenlernen: Wie verhält es sich normalerweise? Was ist heute anders? Taucht das Nein nur in einer bestimmten Situation auf? Wird es stärker? Gibt es andere kleine Veränderungen? Was passiert, wenn ich meine Frage anders stelle oder die Situation etwas einfacher mache?

Hin und wieder werden wir dadurch feststellen: Heute ist es besser, dieses Nein zu akzeptieren. Und manchmal werden wir zu dem Schluss kommen: Ich habe dich gehört, aber trotzdem ist mir das jetzt wichtig. Ich helfe dir dabei. Beides kann fair sein, denn Partnerschaft bedeutet für mich nicht, dass einer immer nachgibt. Sie bedeutet auch, unterschiedliche Wünsche aushalten zu können, ohne daraus einen Kampf machen zu müssen.

Was passiert, wenn wir die leisen Antworten hören?

Ich finde noch einen anderen Gedanken dabei spannend: Viele Pferde werden erst dann sehr deutlich, wenn die leiseren Signale vorher nicht funktioniert haben.

Natürlich lässt sich nicht jedes schwierige Verhalten darauf zurückführen. Aber vielleicht lohnt es sich trotzdem, im Alltag einmal darauf zu achten, wann unser Pferd eigentlich anfängt, uns zu antworten.

Nicht erst dann, wenn es stehen bleibt, wegzieht oder sich deutlich wehrt. Vielleicht gab es vorher schon ein kurzes Zögern, eine Veränderung in der Körperspannung, ein Wegdrehen des Kopfes oder einen anderen kleinen Moment, den wir übersehen haben.

Je besser wir darin werden, solche Veränderungen wahrzunehmen, desto früher können wir reagieren. Manchmal reicht es schon, unsere Frage etwas anders zu stellen oder dem Pferd einen Moment mehr Zeit zu geben.

So entsteht nach und nach etwas, das ich für eine gute Beziehung sehr wichtig finde: Das Pferd darf erleben, dass Kommunikation nicht erst dann funktioniert, wenn es sehr deutlich werden muss.

Und wie ist das eigentlich bei uns selbst?

Während ich über das Nein unserer Pferde nachdenke, komme ich unweigerlich noch zu einer anderen Frage: Wie gut hören wir eigentlich uns selbst zu?

Vielleicht kennst du das aus dem Stall. Jemand sagt dir, du müsstest dich jetzt endlich einmal durchsetzen, obwohl sich die Situation für dich gar nicht gut anfühlt. Ein Trainer möchte, dass du etwas machst, bei dem du innerlich längst zögerst. Oder du hast das Gefühl, etwas auf eine bestimmte Weise machen zu müssen, weil es schließlich alle so machen.

Aber auch außerhalb des Stalls kennen viele von uns diese Situationen. Wir sind müde und machen trotzdem weiter. Wir merken, dass wir eine Pause brauchen, nehmen sie uns aber nicht. Wir kümmern uns um unser Pferd, die Familie, den Beruf und all die Dinge, die erledigt werden müssen, und stellen die eigenen Bedürfnisse irgendwo hinten an.

Eigentlich ist das gar nicht so weit entfernt von dem, worüber wir bei unseren Pferden gesprochen haben.

Auch unser Körper kommuniziert mit uns, beispielsweise über Müdigkeit, Anspannung, fehlende Energie oder das Gefühl, dass gerade alles ein bisschen zu viel ist. Und auch hier können wir lernen, früher hinzuhören, statt erst dann zu reagieren, wenn die Signale sehr deutlich geworden sind.

Natürlich bedeutet auch bei uns nicht jedes „Ich möchte heute nicht“ automatisch, dass wir etwas bleiben lassen sollten. Manchmal müssen Dinge erledigt werden, obwohl wir keine Lust darauf haben. Aber genauso wie bei unserem Pferd lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Ist das gerade einfach ein Wunsch oder übergehe ich schon länger ein echtes Bedürfnis?

Eine gute Basis beginnt nicht nur beim Pferd

Wir Pferdemenschen achten oft genauer auf unsere Pferde als auf uns selbst. Wir beobachten, ob sie genug trinken, wie sie sich bewegen, ob sie müde wirken, ob sich ihr Verhalten verändert oder ob ihnen etwas fehlt. Bei uns selbst sind wir häufig weniger aufmerksam.

Genau aus diesem Gedanken heraus ist auch meine kostenlose 7-Tage-Challenge BASIS entstanden. Sie richtet den Blick einmal nicht zuerst auf dein Pferd, sondern auf dich. Sieben Tage lang bekommst du kleine Impulse rund um Energie, Gewohnheiten, Regeneration, Gesundheit und Zellgesundheit – ohne den Anspruch, von heute auf morgen dein ganzes Leben verändern zu müssen.

Denn wenn wir von einer guten Basis für das Leben mit unserem Pferd sprechen, gehören wir selbst nun einmal dazu. Vielleicht ist deshalb die Frage, die wir unserem Pferd zugestehen möchten, auch für uns selbst gar keine schlechte:

Was brauche ich gerade eigentlich?

Hinweis: Headerbild mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.

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