Warum es im Leben mit Pferden nicht darum geht, den einen richtigen Weg zu finden
Kann man zu viel wissen? Eigentlich ist es etwas Wunderbares, wie viel wir heute über Pferde wissen können. Noch nie war es so einfach, sich über Haltung, Fütterung, Gesundheit, Verhalten oder Training zu informieren. Wir können Studien lesen, Vorträge ansehen, Podcasts hören, Bücher bestellen und Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen folgen. Viele Dinge, die vor einigen Jahrzehnten noch selbstverständlich waren, werden heute hinterfragt, und unser Wissen darüber, was Pferde brauchen, entwickelt sich ständig weiter.
Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass all dieses Wissen nicht nur Sicherheit schafft. Manchmal passiert genau das Gegenteil.
Da erklärt der eine Trainer, warum eine bestimmte Methode besonders pferdegerecht ist, während der nächste genau davor warnt. Beim Thema Fütterung scheint es ohnehin kaum etwas zu geben, worüber sich alle einig sind, und auch bei Haltung, Hufbearbeitung oder Ausrüstung begegnen uns ganz unterschiedliche Meinungen. Dazu kommen neue Studien, persönliche Erfahrungen und natürlich die sozialen Medien, in denen komplexe Themen gerne so zusammengefasst werden, als gäbe es darauf eine ganz einfache Antwort.
Wenn einem das eigene Pferd am Herzen liegt, kann das ganz schön verunsichern. Schließlich wollen wir möglichst viel richtig machen. Wir möchten unser Pferd gesund erhalten, seine Bedürfnisse berücksichtigen, fair mit ihm umgehen und möglichst früh bemerken, wenn etwas nicht stimmt. Also lesen wir noch ein bisschen mehr, hören noch einen weiteren Experten und entdecken dabei meistens drei neue Dinge, über die wir uns vorher noch gar keine Gedanken gemacht hatten.
Irgendwann kann aus dem Wunsch, mehr zu wissen, das Gefühl entstehen, eigentlich nie genug zu wissen.
Es gibt nicht für alles den einen richtigen Weg
Natürlich gibt es Grundlagen, über die wir heute sehr viel wissen. Ein Pferd hat bestimmte körperliche und soziale Bedürfnisse, und wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht dadurch unwichtig, dass unser Bauchgefühl etwas anderes sagt. Wenn es um Erkrankungen geht, brauche ich einen Tierarzt und nicht jemanden, der mir erzählt, ich müsse nur besser auf meine Intuition hören. Aber nicht jede Frage im Zusammenleben mit unserem Pferd lässt sich so eindeutig beantworten.
Gerade im Training und im täglichen Umgang gibt es oft verschiedene Möglichkeiten. Ein Weg kann für ein Pferd-Mensch-Paar wunderbar funktionieren und für das nächste überhaupt nicht. Das liegt nicht unbedingt daran, dass einer von beiden etwas falsch macht. Pferde sind unterschiedlich, Menschen ebenso, und damit sind auch die Beziehungen zwischen ihnen verschieden.
Der eine Mensch fühlt sich mit einem sehr strukturierten Trainingsansatz wohl, während ein anderer mehr Freiheit braucht. Ein sensibles Pferd benötigt vielleicht etwas anderes als eines, das gelernt hat, den Menschen weitgehend auszublenden. Was einem Pferd Sicherheit gibt, kann ein anderes unter Druck setzen.
Deshalb tue ich mich mit Aussagen wie „Du musst das so machen“ zunehmend schwer.
Das bedeutet nicht, dass jede Methode automatisch gut ist oder dass Fachwissen keine Rolle mehr spielt. Für mich bedeutet es vielmehr, zu verstehen, warum jemand etwas empfiehlt und dann zu schauen, ob und wie dieses Wissen zu meinem Pferd und zu mir passt.
Wissen darf eine Grundlage sein, aber keine Gebrauchsanweisung
Genau das ist für mich der Unterschied zwischen Wissen und einem Patentrezept. Wenn ich verstehe, wie Pferde lernen, kann ich Training besser einschätzen. Wenn ich etwas über die Verdauung meines Pferdes weiß, kann ich Empfehlungen zur Fütterung besser einordnen. Wenn ich weiß, wie Pferde miteinander kommunizieren, sehe ich vielleicht Dinge in der Herde, die mir vorher entgangen sind.
Dieses Wissen nimmt mir aber die Entscheidung nicht ab, und vielleicht sollte es das auch gar nicht.
Ein guter Experte kann uns Zusammenhänge erklären, auf Dinge aufmerksam machen, die wir selbst übersehen haben, und seine Erfahrung mit uns teilen. Trotzdem kennt er unser Pferd meistens nur für einen kleinen Ausschnitt seines Lebens. Wir dagegen erleben es jeden Tag. Wir wissen, wie es normalerweise schaut, wie es sich bewegt, was ihm leichtfällt und wann sich etwas verändert.
Deshalb finde ich es schade, wenn Menschen durch immer mehr Wissen irgendwann ihrer eigenen Wahrnehmung weniger vertrauen als vorher.
Was ist mit dem Bauchgefühl?
Gerade unter Pferdemenschen wird viel über Intuition gesprochen. Für mich bedeutet Intuition allerdings nicht, Fachwissen zu ignorieren und nur noch danach zu handeln, was sich gerade richtig anfühlt.
Unser Gefühl kann uns täuschen. Wir können Dinge hineininterpretieren, uns etwas wünschen oder eine Situation falsch einschätzen. Deshalb ist es gut, Fragen zu stellen und sich Wissen zu holen.
Aber auch das Gegenteil halte ich für schwierig: das eigene Gefühl grundsätzlich beiseitezuschieben, sobald jemand mit mehr Erfahrung oder einem Expertenstatus etwas anderes sagt.
Wer sein Pferd lange kennt, nimmt oft sehr kleine Veränderungen wahr. Manchmal können wir noch gar nicht genau sagen, was anders ist, und merken trotzdem, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht können wir dieses Gefühl später erklären, vielleicht auch nicht. Trotzdem lohnt es sich, hinzuschauen.
Ähnlich kann es im Training sein. Eine Methode kann auf dem Papier sinnvoll klingen und bei vielen Pferden gut funktionieren. Wenn ich aber immer wieder merke, dass mein Pferd und ich damit nicht zurechtkommen, muss die Lösung nicht zwangsläufig darin bestehen, mich noch mehr anzustrengen, bis wir endlich in diese Methode passen. Vielleicht passt die Methode einfach nicht zu uns.
Zu viele Experten können auch einfach zu viel sein
Dieser Gedanke beschäftigt mich auch bei meinem Online-Kongress Liebe der Pferde. Schließlich mache ich dort im Grunde genau das, was zunächst noch mehr Verwirrung schaffen könnte: Ich bringe viele Menschen zusammen, die sich intensiv mit ganz unterschiedlichen Bereichen rund ums Pferd beschäftigen. Dabei war es mir aber nie wichtig, eine Sammlung von Menschen zusammenzustellen, die alle dasselbe sagen. Im Gegenteil.
Ich finde unterschiedliche Perspektiven spannend. Ich möchte von Menschen lernen, die sich mit einem Thema viel intensiver beschäftigt haben als ich selbst. Und ich möchte verstehen, warum sie zu bestimmten Schlussfolgerungen kommen.
Wichtig ist mir bei der Auswahl meiner Gesprächspartner etwas anderes: Ich möchte Menschen dabei haben, denen Pferde und auch die Menschen, die mit ihnen leben, wirklich am Herzen liegen. Menschen, die ihr Wissen weitergeben möchten, ohne uns dabei das Gefühl zu vermitteln, dass nur ihre Methode richtig ist oder dass wir erst das nächste Produkt kaufen müssen, damit es unserem Pferd gut gehen kann.
Natürlich dürfen Experten mit ihrer Arbeit Geld verdienen. Darum geht es überhaupt nicht. Gute Arbeit darf und soll bezahlt werden. Schwierig wird es für mich dort, wo Unsicherheit zum Geschäftsmodell wird und Menschen zunächst das Gefühl vermittelt wird, alles falsch zu machen, damit ihnen anschließend die vermeintlich einzige Lösung verkauft werden kann.
Wissen sollte uns nicht kleiner machen. Es sollte uns helfen, Zusammenhänge besser zu verstehen und dadurch selbst sicherer entscheiden zu können.
Was passt zu meinem Pferd und zu mir?
Vielleicht ist das die Frage, die zwischen all den Methoden und Meinungen manchmal verloren geht.
Nicht: „Wer hat recht?“, sondern: „Was kann ich aus diesem Wissen für uns mitnehmen?“
Manchmal wird die Antwort sehr eindeutig sein. Wenn mein Pferd krank ist, brauche ich entsprechende fachliche Hilfe. Wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass etwas, das wir lange gemacht haben, unseren Pferden schadet, sollten wir bereit sein, unsere Gewohnheiten zu verändern.
In anderen Bereichen dürfen wir ausprobieren, beobachten und unseren eigenen Weg finden. Wir dürfen etwas übernehmen, ohne gleich eine komplette Philosophie übernehmen zu müssen. Wir dürfen feststellen, dass ein Ansatz für uns nicht funktioniert. Und wir dürfen unsere Meinung ändern, wenn wir später etwas dazulernen.
Vielleicht ist genau das etwas, das wir zwischen all dem Wissen wieder stärker brauchen: Vertrauen darin, dass wir lernen können, gute Entscheidungen zu treffen. Nicht weil wir irgendwann alles wissen, sondern weil wir lernen, Informationen einzuordnen, unser Pferd zu beobachten und auch unsere eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen.
Ein Gespräch, das mir dazu besonders im Gedächtnis geblieben ist
Mit Sandra Kaufer von Rebellion der Pferde hatte ich für Liebe der Pferde ein Gespräch, das sehr gut zu diesen Gedanken passt. Wir haben darüber gesprochen, wie leicht man sich zwischen all den Methoden, Meinungen und Erwartungen verlieren kann und wie wichtig es ist, den eigenen Weg mit seinem Pferd zu finden.
Gerade deshalb möchte ich dir dieses Gespräch ans Herz legen, wenn du manchmal das Gefühl hast, vor lauter Wissen gar nicht mehr zu wissen, was eigentlich richtig ist. Denn vielleicht brauchst du gar nicht noch jemanden, der dir sagt, welchen Weg du gehen sollst. Vielleicht brauchst du gutes Wissen, Menschen, denen du vertraust, und den Mut, daraus den Weg zu entwickeln, der zu dir und deinem Pferd passt.
Hinweis: Headerbild mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.
