Wie wir Pferdehaltung als Lebensraum neu denken können
Wenn wir unser Pferd besuchen, denken wir meistens daran, was wir mit ihm machen möchten: Wir putzen es, gehen spazieren, arbeiten auf dem Platz, reiten eine Runde aus oder verbringen einfach ein bisschen Zeit miteinander.
Aber irgendwann fahren wir wieder nach Hause. Und unser Pferd bleibt.
Dieser Gedanke klingt zunächst banal. Aber wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, verändert er den Blick auf Pferdehaltung ziemlich grundlegend. Denn die eine oder zwei Stunden, die wir vielleicht mit unserem Pferd verbringen, sind nur ein kleiner Teil seines Tages. Die übrige Zeit verbringt es dort, wo wir es untergebracht haben. Und deshalb finde ich die Frage wichtig:
Ist dieser Ort für unser Pferd vor allem ein Platz, an dem es sicher untergebracht und versorgt ist – oder ist er tatsächlich ein Lebensraum?
Wir können die Natur nicht nachbauen
Wenn wir über naturnahe oder pferdegerechte Haltung sprechen, sollten wir uns meiner Meinung nach von einer Vorstellung gleich verabschieden: Wir werden unseren Hauspferden kein Leben wie in freier Wildbahn bieten können. Und das müssen wir auch nicht romantisieren.
Unsere Pferde leben in einer von Menschen gestalteten Welt. Flächen sind begrenzt, Zäune notwendig, Futter muss organisiert werden, Böden müssen teilweise befestigt werden und nicht jedes Pferd kann zu jeder Jahreszeit einfach auf riesigen Weiden leben.
Dazu kommen regionale Unterschiede. Was in einer trockenen Gegend gut funktioniert, kann nach wochenlangem Regen im Schlamm versinken. Was für eine harmonische kleine Herde funktioniert, muss für eine größere Gruppe noch lange nicht passen.
Pferdegerechte Haltung bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst perfekt „Wildnis zu spielen“. Es bedeutet vielmehr, sich anzuschauen, welche grundlegenden Bedürfnisse ein Pferd mitbringt und wie wir ihm ermöglichen können, möglichst viele davon auch in unserer Obhut auszuleben.
Und plötzlich wird Pferdehaltung sehr viel spannender als die Frage, ob die Haltung nun Box, Offenstall, Aktivstall oder Paddock Trail heißt.
Ein Pferd möchte nicht nur irgendwo stehen
Pferde sind Bewegungstiere und soziale Lebewesen. Ihr Alltag besteht natürlicherweise nicht daraus, an einem Ort zu warten, bis etwas passiert. Sie bewegen sich, fressen, ruhen, beobachten ihre Umgebung, suchen unterschiedliche Plätze auf und interagieren miteinander.
Genau dieser Gedanke steckt auch hinter einem Paddock Trail. Verschiedene für das Pferd wichtige Bereiche werden räumlich voneinander getrennt und durch Wege miteinander verbunden. Wasser, Futter, Ruheplätze, unterschiedliche Untergründe oder andere interessante Bereiche können so angeordnet werden, dass Bewegung nicht nur während des Trainings stattfindet, sondern Teil des Alltags wird.
Das finde ich einen entscheidenden Perspektivwechsel, denn häufig versuchen wir, fehlende Bewegung in der Haltung anschließend im Training auszugleichen. Das Pferd steht viele Stunden herum und wenn wir kommen, soll es sich bewegen.
Natürlich ist Training wichtig. Aber eine Stunde Bewegung mit uns kann nicht dieselbe Funktion erfüllen wie die vielen kleinen Wege, die ein Pferd über den gesamten Tag freiwillig zurücklegt. Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur überlegen, wie wir unser Pferd bewegen, sondern auch, wie seine Umgebung es zur Bewegung einlädt.
Genau das hat mich am Grindstone Paddock Trail fasziniert
Vor Kurzem durfte ich mit Linda Gorschboth vom Grindstone Paddock Trail für meinen Online-Kongress Liebe der Pferde sprechen. An unserem Gespräch mochte ich besonders, dass es eben nicht darum ging, einen riesigen Musterstall zu präsentieren, den sich am Ende kaum jemand leisten kann.
Der Grindstone Paddock Trail versteht sich vielmehr als ein Ort, an dem ausprobiert, beobachtet und immer wieder verändert wird. Auf der eigenen Website beschreibt Linda ihren Ansatz als Verbindung aus Wissen, Beobachtung und Kreativität mit dem Ziel zu zeigen, wie Pferdehaltung auch auf kleinerem Raum sinnvoll, bewegungsfördernd und bezahlbar gestaltet werden kann.
Genau das finde ich ermutigend, denn bei „naturnaher Pferdehaltung“ entstehen schnell Bilder von mehreren Hektar Land, aufwendigen Aktivställen und großen finanziellen Investitionen. Nur: Es muss nicht immer gleich der komplette neue Stall sein.
Du musst kein Millionär sein, um etwas zu verändern
Natürlich kostet Pferdehaltung Geld. Gute Bodenbefestigung, sichere Zäune, Unterstände und andere größere bauliche Maßnahmen gibt es nicht zum Nulltarif. Aber nicht jede Verbesserung braucht einen Bagger und ein fünfstelliges Budget. Manchmal beginnt Veränderung schon mit einer viel einfacheren Frage:
Wie kann ich den vorhandenen Raum interessanter und sinnvoller für mein Pferd gestalten?
Vielleicht lassen sich Futter und Wasser weiter voneinander entfernt anbieten. Vielleicht kann ein zusätzlicher Weg entstehen. Vielleicht gibt es sichere Äste zum Knabbern, verschiedene Untergründe, einen guten Wälzplatz, Kratzmöglichkeiten oder kleine Bereiche, die Pferde freiwillig aufsuchen.
Auch Linda zeigt ausdrücklich kostengünstige Möglichkeiten und kreative Ideen für einen naturnäheren Lebensraum. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele „Spielzeuge“ auf einen Paddock zu stellen. Es geht mehr darum, eine Umgebung zu schaffen, in der ein Pferd etwas zu tun, zu erkunden und zu entscheiden hat. Das ist ein Unterschied.
Haltung beeinflusst auch die Gesundheit
Pferdehaltung ist für mich deshalb ein Teil der gesundheitlichen Basis. Mehr selbstständige Bewegung bedeutet zunächst einmal: Der Körper ist regelmäßiger in Bewegung, und nicht nur dann, wenn der Mensch gerade Zeit hat.
Auch die Hufe bekommen unterschiedliche Reize, wenn Pferde sich regelmäßig über verschiedene geeignete Untergründe bewegen. Wie stark sich das auf ein einzelnes Pferd auswirkt, hängt natürlich unter anderem von Hufgesundheit, Boden, Bewegung, Fütterung und Hufbearbeitung ab. Haltung ist nicht der einzige Faktor.
Ähnlich ist es mit Muskulatur, Stoffwechsel und Verdauung: Wir können diese Bereiche nicht isoliert betrachten und behaupten, eine bestimmte Haltungsform mache automatisch jedes Pferd gesund.
Aber wir können uns fragen, ob der Alltag eines Pferdes seinen Körper dabei unterstützt, das zu tun, wofür er gemacht ist. Und dazu gehört nun einmal regelmäßige Bewegung.
Beim Grindstone Paddock Trail wird dieser Gedanke sogar noch weitergeführt: Dort werden unterschiedliche Zonen, Wege, Futterstellen und weitere Reize bewusst eingesetzt, um Bewegung, Muskulatur und Wohlbefinden zu fördern.
Und was hat das mit Training zu tun?
Mehr, als man zunächst denken könnte.
Stell dir zwei Pferde vor: Das eine hat den größten Teil des Tages wenig Möglichkeiten, sich zu bewegen oder mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Dann kommt sein Mensch und plötzlich soll es konzentriert mitarbeiten, ruhig bleiben und seine Energie kontrollieren. Das andere war bereits unterwegs. Es ist mit anderen Pferden gelaufen, hat verschiedene Futterstellen aufgesucht, unterschiedliche Böden betreten, seine Umgebung beobachtet und Entscheidungen getroffen.
Natürlich ist das stark vereinfacht. Pferde sind Individuen und Verhalten hat nie nur eine Ursache. Trotzdem finde ich den Gedanken wichtig:
Training beginnt nicht erst in dem Moment, in dem wir das Halfter in die Hand nehmen.
Der Alltag, den ein Pferd vorher hatte, kommt mit auf den Reitplatz.
Auch das Thema Langeweile gehört für mich zur Haltung
Wir sprechen bei Pferdehaltung sehr viel über körperliche Gesundheit. Über Fütterung, Hufe, Atemwege, Gewicht und Bewegung. Etwas weniger sprechen wir darüber, wie ein Pferd eigentlich seinen Tag verbringt.
Ein Pferd braucht nicht rund um die Uhr Entertainment. Ruhe und Dösen gehören selbstverständlich ebenfalls zum Pferdeleben. Aber es macht einen Unterschied, ob ein Pferd ruht, weil es gerade ruhen möchte, oder ob schlicht kaum etwas anderes möglich ist.
Sozialkontakte, Bewegung, Futtersuche, unterschiedliche Bereiche und eine abwechslungsreich gestaltete Umgebung können dazu beitragen, dass Pferde ihren Alltag selbstständiger gestalten können. Und genau darin liegt ein Aspekt von Lebensqualität, der gern unterschätzt wird:
Wahlmöglichkeiten.
Wo möchte ich stehen? Mit wem? Möchte ich fressen, mich bewegen oder ruhen? Möchte ich in die Sonne oder in den Schatten? Möchte ich gerade Kontakt oder Abstand?
Wir können unseren Pferden keine völlige Freiheit geben. Aber wir können ihnen innerhalb der Grenzen, die wir setzen müssen, ein Stück mehr Selbstbestimmung ermöglichen.
Es muss nicht gleich der perfekte Paddock Trail sein
Vielleicht liest du diesen Artikel und dein Pferd steht in einem Pensionsstall. Dann kannst du nicht morgen anfangen, Zäune zu versetzen und einen Trail anzulegen.
Das kenne ich selbst gut genug: Nicht jeder Pferdebesitzer entscheidet allein darüber, wie sein Pferd gehalten wird. Und manchmal gibt es in erreichbarer Entfernung schlicht nicht den Stall, den man sich wünschen würde.
Deshalb möchte ich aus pferdegerechter Haltung auch keinen weiteren Wettbewerb machen. Es hilft keinem Pferd, wenn wir uns gegenseitig erzählen, wer die bessere Haltung hat. Viel hilfreicher finde ich die Frage:
Was ist unter meinen jetzigen Bedingungen möglich?
Vielleicht kannst du mit dem Stallbetreiber über eine zusätzliche Futterstelle sprechen. Vielleicht lässt sich der Paddock etwas abwechslungsreicher gestalten. Vielleicht können Pferde länger draußen bleiben oder in einer passenderen Gruppe zusammenstehen. Vielleicht ist heute nur eine kleine Veränderung möglich und in zwei Jahren eine größere.
Und manchmal stellt man bei genauerem Hinsehen fest, dass die jetzige Haltung für das eigene Pferd an wichtigen Stellen nicht passt. Auch das darf eine Erkenntnis sein.
Eine gute Basis entsteht auch dort, wo unser Pferd lebt
Seit ich mich intensiver mit dem Gedanken der Basis beschäftige, merke ich immer wieder, wie viele Themen am Ende zusammengehören.
Wir können über Training sprechen. Über Vertrauen, Kommunikation, Fütterung, Hufe und Gesundheit. Aber all das findet nicht im luftleeren Raum statt. Unser Pferd bringt seinen gesamten Alltag mit: Wie viel es sich bewegen konnte. Ob es ausreichend Ruhe gefunden hat. Ob es Sozialkontakt hatte. Ob es fressen konnte, wie es seinem Organismus entspricht. Ob sein Tag eintönig war oder ob es seine Umgebung erkunden und kleine Entscheidungen selbst treffen konnte.
Deshalb ist Haltung für mich auch kein Thema, das irgendwo neben Training und Gesundheit steht. Sie gehört zur Basis. Und vielleicht müssen wir dafür nicht alle morgen einen perfekten Paddock Trail bauen.
Vielleicht reicht für den Anfang eine andere Frage, wenn wir das nächste Mal durch den Stall gehen:
Wenn ich hier nicht nur einen Platz für mein Pferd sehe, sondern seinen Lebensraum – was würde ich dann anders machen?
Wer sehen möchte, wie viele kreative Ideen schon auf vergleichsweise begrenztem Raum möglich sind, dem möchte ich mein Gespräch mit Linda Gorschboth vom Grindstone Paddock Trail ans Herz legen. Linda zeigt sehr bodenständig, dass naturnähere Pferdehaltung nicht automatisch riesige Flächen und ein riesiges Budget voraussetzt.
Das Interview „Ideen für naturnahe Haltung“ findest du bei meinem Online-Kongress Liebe der Pferde. Linda Gorschboth ist dort aktuell als Sprecherin mit genau diesem Thema aufgeführt. Liebe der Pferde Online-Kongress
Mehr über ihren Ansatz und den Trail selbst findest du außerdem beim Grindstone Paddock Trail.
Hinweis: Headerbild mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.

