Jeder Pferdebesitzer kennt diesen Moment: Das Pferd stolpert plötzlich beim Reiten oder auch schon im Schritt an der Hand. Vielleicht war der Boden uneben, vielleicht war das Pferd unkonzentriert – doch wenn es immer wieder passiert, macht sich schnell ein ungutes Gefühl breit. Ist das noch normal oder steckt mehr dahinter?

Das Stolpern wirkt auf den ersten Blick harmlos, doch es kann viele verschiedene Ursachen haben. Manche sind funktionell und vorübergehend, andere weisen auf strukturelle oder neurologische Probleme hin. Studien zur Ganganalyse bei Pferden zeigen, dass selbst leichte Unregelmäßigkeiten im Bewegungsablauf oft frühe Hinweise auf körperliche Einschränkungen sind – lange bevor eine deutliche Lahmheit sichtbar wird.

Das Pferd stolpert häufig: was steckt dahinter?

Ein häufiger Grund für Stolpern sind Probleme an den Hufen. Eine veränderte Hufstellung, zu lange Zehen oder ein unausgewogenes Hufgleichgewicht beeinflussen die sogenannte Abrollphase (Breakover). Ist diese verzögert, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd mit der Zehe hängen bleibt. Untersuchungen aus der Huforthopädie zeigen, dass bereits wenige Millimeter Unterschied in der Zehenlänge messbare Auswirkungen auf die Belastung von Sehnen und Gelenken haben können.

Auch der Bewegungsapparat spielt eine zentrale Rolle. Verspannungen im Rücken, insbesondere im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule, können die Fähigkeit des Pferdes beeinträchtigen, die Gliedmaßen korrekt zu koordinieren. Ein schlecht sitzender Sattel kann hier als auslösender Faktor wirken: Druckspitzen führen zu muskulären Schutzspannungen, wodurch das Pferd den Rücken weniger aufwölbt und die Hinterhand schlechter untertritt. Die Folge ist oft ein flacher, „schlurfender“ Gang, bei dem wahrscheinlicher wird, dass das Pferd stolpert.

Ein weiterer, häufig unterschätzter Faktor ist die Muskulatur und neuromuskuläre Kontrolle. Pferde, die wenig abwechslungsreich gearbeitet werden oder längere Trainingspausen hatten, zeigen oft Defizite in der Propriozeption – also der Wahrnehmung der eigenen Gliedmaßen im Raum. Wissenschaftliche Arbeiten aus der Trainingsphysiologie belegen, dass gezielte Koordinationsübungen (z. B. Stangenarbeit oder Arbeit auf unterschiedlichen Untergründen) die Trittsicherheit signifikant verbessern können.

Doch manchmal steckt mehr dahinter als ein rein mechanisches Problem.

Wenn ein Pferd neben dem Stolpern auch einen schwankenden oder unkoordinierten Gang zeigt, die Beine ungewöhnlich setzt, überkreuzt oder verzögert auf äußere Reize reagiert, sollte das Nervensystem genauer untersucht werden. Eine mögliche Ursache ist Ataxie – ein Sammelbegriff für Störungen der Bewegungskoordination. Häufig liegt die Ursache im Rückenmark, etwa durch Kompression oder entzündliche Prozesse. Studien zeigen, dass betroffene Pferde oft eine verlängerte Reaktionszeit bei Stellungstests und eine reduzierte Gliedmaßenkontrolle aufweisen.

Eine bekannte Form ist die zervikale vertebrale Stenotische Myelopathie (umgangssprachlich „Wobbler-Syndrom“), bei der es durch Einengung des Rückenmarks im Halsbereich zu neurologischen Ausfällen kommt. Besonders junge, schnell wachsende Pferde großer Rassen sind hier prädisponiert.

Noch relativ wenig bekannt, aber zunehmend im Fokus der Forschung, ist ECVM (Equine Complex Vertebral Malformation). Dabei handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung der unteren Halswirbel, meist im Bereich von C6 und C7. Bildgebende Studien zeigen, dass betroffene Pferde asymmetrische Knochenstrukturen aufweisen, die wichtige Muskelansatzpunkte verändern und möglicherweise Nervenstrukturen beeinflussen. Die Folgen können vielfältig sein: von subtiler Leistungsschwäche über Schwierigkeiten in der Anlehnung bis hin zu vermehrtem Stolpern und Unsicherheit in der Vorhand.

Interessant ist, dass viele Pferde mit ECVM lange kompensieren und erst unter Belastung oder mit zunehmendem Trainingsanspruch auffällig werden. Das erklärt, warum die Diagnose oft spät gestellt wird. Moderne Diagnostik wie Röntgen in speziellen Projektionen oder CT-Untersuchungen liefern hier zunehmend genauere Einblicke.

Neben diesen strukturellen und neurologischen Ursachen spielen auch Schmerz und Verhalten eine Rolle. Ein Pferd, das Schmerzen erwartet oder bereits schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann sich vorsichtiger bewegen, den Gang verkürzen und dadurch eher stolpern. Ebenso kann mentale Unaufmerksamkeit – etwa durch Stress oder Überforderung – die Trittsicherheit beeinflussen. Studien zur Mensch-Pferd-Interaktion zeigen, dass Spannung oder Unsicherheit des Reiters sich direkt auf die Bewegungsqualität des Pferdes übertragen können.

Wenn du merkst, dass dein Pferd stolpert oder sich „anders“ anfühlt, lohnt es sich, systematisch vorzugehen. Neben der tierärztlichen Untersuchung ist ein interdisziplinärer Blick besonders wertvoll: Hufschmied, Sattler sowie Physio- oder Osteotherapeut können jeweils wichtige Puzzleteile liefern. In der Praxis zeigt sich oft, dass mehrere kleine Faktoren zusammenwirken – etwa eine minimale Hufbalance-Störung in Kombination mit muskulärer Schwäche.

Manchmal reichen gezielte Anpassungen im Training, wie mehr Gymnastizierung, Übergänge oder Koordinationsarbeit. In anderen Fällen ist eine weiterführende Diagnostik notwendig, insbesondere wenn neurologische Symptome im Raum stehen. Wichtig ist dabei: Je früher eine Ursache erkannt wird, desto besser sind die Chancen, sie positiv zu beeinflussen.

Denn Stolpern ist selten „einfach nur Stolpern“. Ein Pferd stolpert eher nicht aus Unbeholfenheit oder Tagträumerei. Es ist ein Signal – oft leise, manchmal deutlich – dass etwas im Gleichgewicht des Pferdes nicht stimmt. Wer genau hinsieht und bereit ist, Ursachen auf den Grund zu gehen, kann viel dazu beitragen, dass das eigene Pferd wieder sicher, kraftvoll und selbstbewusst unterwegs ist.

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Einen ausführlichen Artikel über ECVM findest du in der Natural Horse Ausgabe 55.

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