Können Pferde Menschen lesen und ihre Mimik erkennen?

Wenn wir unser Pferd ansehen, achten wir oft zuerst auf seine Ohren, seine Augen oder seine Körperhaltung. Wir versuchen herauszufinden, wie es ihm geht und was es uns sagen möchte.

Dabei vergessen wir leicht, dass unser Pferd uns genauso aufmerksam beobachtet.

Für Pferde ist das überlebenswichtig. Als Fluchttiere mussten sie über viele Jahrtausende lernen, kleinste Veränderungen in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Ein kurzer Blick, eine veränderte Haltung oder eine ungewohnte Bewegung konnten darüber entscheiden, ob Gefahr droht oder nicht.

Diese Fähigkeit bringen Pferde auch in die Beziehung mit uns Menschen mit.

Viele Pferdebesitzer kennen Situationen, in denen sie das Gefühl haben, vom eigenen Pferd genau beobachtet zu werden. Manchmal reicht schon eine kleine Veränderung in der eigenen Körpersprache und das Pferd reagiert anders als gewohnt. Oft wird dann gesagt, Pferde könnten Gedanken lesen. So weit geht die Wissenschaft allerdings nicht.

Was sie inzwischen gut zeigen kann, ist etwas anderes: Pferde nehmen viele verschiedene Signale gleichzeitig wahr und setzen sie zu einem Gesamtbild zusammen.

Am deutlichsten wird das bei unserer Körpersprache.

Ob wir angespannt oder locker stehen, ob wir uns hastig bewegen oder ruhig auf unser Pferd zugehen – all das liefert Informationen. Pferde beobachten solche Veränderungen sehr genau. Im Alltag merken wir das oft gar nicht bewusst. Trotzdem reagieren viele Pferde unterschiedlich darauf, wie wir uns bewegen und wie viel Ruhe wir ausstrahlen.

Auch unsere Stimme spielt dabei eine Rolle.

Nicht nur die Worte selbst, sondern vor allem Lautstärke, Tempo und Klang vermitteln unserem Pferd Informationen. Eine ruhige Stimme wirkt anders als eine hektische oder angespannte. Wahrscheinlich ergänzt sie für das Pferd das Bild, das es sich bereits über unsere Haltung und unsere Bewegungen gemacht hat.

Besonders spannend finde ich die Forschung zu den menschlichen Gesichtsausdrücken.

In mehreren Studien konnten Pferde zwischen freundlichen und ärgerlichen Gesichtern unterscheiden. Bei negativen Gesichtsausdrücken reagierten sie häufig aufmerksamer oder vorsichtiger. Die Forscher vermuten, dass Pferde bestimmte emotionale Signale erkennen und unterschiedlich bewerten können.

Weitere Untersuchungen zeigen sogar, dass Pferde Gesichtsausdrücke und Stimmen miteinander verknüpfen können. Passt beides zusammen, scheint ihnen die Einschätzung einer Situation leichter zu fallen.

Dazu kommt möglicherweise noch ein weiterer Sinn.

Im letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, dass aktuelle Studien darauf hindeuten, dass Pferde auch Gerüche wahrnehmen können, die mit menschlichen Emotionen zusammenhängen. Noch ist dieses Forschungsgebiet jung und viele Fragen sind offen. Trotzdem passt auch dieser Baustein zu dem Bild, das sich nach und nach ergibt.

Pferde verlassen sich offenbar nicht auf ein einzelnes Signal.

Sie beobachten uns mit ihren Augen, hören unsere Stimme, achten auf unsere Bewegungen und nutzen wahrscheinlich auch ihren feinen Geruchssinn. Aus all diesen Eindrücken entsteht eine Einschätzung der Situation.

Das erklärt vielleicht auch, warum unser Pferd manchmal anders reagiert, obwohl wir glauben, alles genauso gemacht zu haben wie immer.

Vielleicht haben wir uns etwas schneller bewegt. Vielleicht waren wir müde oder angespannt. Vielleicht war unsere Stimme leiser als sonst. Oft sind es Kleinigkeiten, die uns selbst gar nicht auffallen.

Genauso wichtig ist aber auch die andere Seite. Nicht jede Reaktion eines Pferdes hat mit uns zu tun.

Pferde können Schmerzen haben, sich unwohl fühlen, auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren oder einfach einen schlechten Tag haben. Deshalb wäre es falsch, jede Unsicherheit oder jede Anspannung auf die eigene Stimmung zurückzuführen.

Die Forschung zeigt vielmehr, wie aufmerksam Pferde ihre Umwelt wahrnehmen. Sie sammeln viele kleine Informationen gleichzeitig und reagieren auf das Gesamtbild, das sich daraus ergibt.

Für mich macht genau das die Beziehung zu Pferden so besonders. Sie fordern keine Perfektion. Sie erwarten auch nicht, dass wir immer gelassen oder fröhlich sind. Aber sie erinnern uns immer wieder daran, wie viel wir mitteilen, ohne ein einziges Wort zu sagen.

Quellen

Smith, A. V. et al. (2016). Domestic horses (Equus caballus) discriminate between negative and positive human facial expressions. Biology Letters.

Proops, L., Grounds, K., Smith, A. V. & McComb, K. (2018). Animals remember previous facial expressions that specific humans have exhibited. Current Biology.

Trösch, M. et al. (2019). Horses use the same cognitive strategy to detect emotional incongruity in facial expressions and vocalisations. Animal Cognition.

Hinweis: Headerbild mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.

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